Etwas mehr Naiditsch wärs gewesen…

Zumindest am Brett. Die Deutsche Jugendmeisterschaften sind seit gestern Nachmittag Geschichte. Bevor ich auf den Turnierverlauf unserer beiden Helden eingehen möchte, erlaube ich mir ein abschweifen zum Blitzturnier. Dies fand am Donnerstag Abend in 3er Teams statt. Ich trat mit Julian und Lars als Team „Hoffentlich nicht Letzter“ an. Wo wir genau landeten weiß ich nicht mehr, aber unserem Namen wurden wir gerecht 🙂
In Runde 5 trafen wir auf das Team von Deutschlands Nummer 1 und Großmeister Arkadji Naiditsch. Irgendwann stand es so:

Naiditsch – Meißner

„Etwas besser für Weiß“ meinte unser Nationalspieler nach der Partie

Ich überlasse dem Leser selbst ein Urteil. Vielleicht fehlten Luis und Julian genau dieser grenzenlose Optimismus und der Killerinstinkt. Dann kommt vielleicht das Quäntchen Glück von selbst dazu. Für die U12 gab es ein eigenes Teamblitzturnier (2 Personen). Ich musste am Mittag Luis schon arg drängeln damit er überhaupt daran teilnimmt, weil er von seinen Blitzkünsten nicht sonderlich überzeugt ist…

Erster Platz für Luis und Julian

Kommen wir zum Turniergeschehen. Julian erlebte in Runde 7 seinen Tiefpunkt als er folgende Stellung mit einer halben Stunde gegen 2 min und 100 ELO mehr nicht gewann:

Am nächsten Tag bescherte die Auslosung ihm auch noch Teamkollege Lars Hinrichs mit schwarz. Es wurde ein scharfes Theorie Duell, wo alle 3 Ergebnisse möglich waren. Julian hatte an diesem Tag die besseren Nerven und konnte alle Angriffsversuche abwehren und seine 2 Leichtfiguren gegen Turm und Bauer sicherten ihm den Punkt.

Dieser Herr ist verantwortlich für Lars Vorbereitung…

Mit einem Sieg in der letzten Runde wäre Julian sogar noch 5. geworden. Doch der stark aufspielende Benedikt Krause konnte unserer Vorbereitung den Stachel ziehen und alle Angriffsversuche abwehren. Wie hart das Schweizer System ist sieht man daran, dass mit diesem halben Punkt Julian noch auf den 11.Platz abgerutscht ist. Trotzdem bin ich, und kann auch er, mit seinem Ergebnis sehr zufrieden sein. Wenn es „nicht läuft“ – man so viele Chancen auslässt, und am Ende trotzdem noch ungefähr auf seinem Setzlistenplatz landet, dann sieht man erst, wie viel Potential man noch hat. Ich möchte hier Julian noch einmal ausdrücklich für sein professionelles Verhalten während des Turniers loben! Die Zeiten wo er nach einer schlechten Partie die „Flinte ins Korn wirft“ sind zum Glück vorbei. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht mit Julian zu arbeiten 🙂

Morgens gehts zum Joggen 🙂

Bei Luis wurde das Turnier zum großen Drama! Erst zerlegte er den letztjährigen Deutschen Meister Jan-Okke Rockmann mit Schwarz um dann in Runde 9 diese Stellung gegen den sympathischen Maximilian Mätzkow noch zu verlieren:

Im „Smeets Style“ (Lf1 , Tf2 bzw. Tf1) steht Weiß hier mit Mehrbauer einfach auf Gewinn. Leider verschlechterte er in den nächsten Zügen zuerst die Position seiner Dame und dann die des Königs. Immer einen Zug später hatte er noch die Möglichkeit, Diese wieder auf das letzte Feld zurück zu stellen und stände immer noch besser. Aber wer macht schon gern zwei Eingeständnisse hintereinander? So wurde er leider Opfer der schwarzen Figuren. Die 10. Runde begann dann kurios. Sein Gegner meinte vor der Partie am Brett: „er wäre sehr gut vorbereitet und werde gewinnen“.

Da war er sich dann wahrscheinlich nicht mehr ganz so sicher 🙂

Mit einem mulmigen Gefühl ging es dann in die letzte Runde. Gegen den schon feststehenden Deutschen Meister Julian Martin (Luis Blitzpartner) mit schwarz. In der Najdorf Variante, die mittlerweile zur besten Waffe wird, stand Luis schnell sehr gut.

Najdorf läuft gut!

Luis verdichtete seinen Vorteil weiter bis ein Matt in 5 auf dem Brett stand:

Hier sah er einleitend mit Te3+ einen vermeintlichen Turmgewinn und zog ihn relativ flott. Das böse Erwachen kam erst nach 44. Da7+ und kurz darauffolgenden Friedensschluss. Dieser bescherte den undankbaren 7.Platz, Punktgleich mit Platz 5, welcher aber nicht für die direkte Qualifikation für EM oder WM reicht. Als wir in der Analyse die Stellung noch einmal auf dem Brett hatten sah er das Matt in handgestoppten 7 Sekunden..
So ein bitteres Ende eines ansonsten ganz stark gespielten Turniers trübt natürlich die Freude etwas. Die Inoffizielle DWZ Auswertung besagt +32. Damit klettert Luis erstmalig über die 1800. Eine Chance für eine Qualifikation auf internationaler Ebene bleibt dennoch. Spielt er bis zu einem bestimmten Stichtag 2 Turniere mit Leistung 1900 oder ein Turnier mit 2100 kann er auch zur WM oder EM. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich ihm das aus meiner Sicht wirklich empfehlen sollte, vielleicht hat er danach mehr als ich 🙂

Luis macht auch beim Kondiblitz auf der Bühne eine gute Figur, Naiditsch kommentiert.

Im Osten nix Neues…

6 bzw. 7 Runden sind jetzt schon gespielt und man gewöhnt sich langsam an das Essen und die Schachfiguren. Julian liegt mit 3/6 ungefähr im Soll. Partien im Stile eines Weltmeisters wechseln sich mit denen eines 4 Jährigen ab. Somit kommt man eben auf 50 Prozent 🙂

Julian spielt seine Zahl

In Runde 4 am Spitzentisch gegen Vereinskollege und „fast 100 Prozent Jonas“ ließ er in der Eröffnung ein forciertes Remis aus und verlor dann schnell.

HSK Spieler unter sich am Spitzentisch

Mehr Zeit um auf sich Aufmerksam zu machen bekam er in Runde 5. Ihn erwartete ,der als großen Kämpfer bekannte, Lev Yankelevitch.

Nein, einen großen Kämpfer, nicht mich!

Auch nicht Kumpel Lars

Lev und Julian

Als dieses Foto entstand wurde gerade das Mittagsbuffet abgebaut. Yankelevitch machte seinem Ruf alle Ehre und versuchte irgendwie noch dieses theoretische Remis – Endspiel zu gewinnen. Mehrmals gelang es ihm eine Gewinnstellung zu zaubern, ohne jedoch den Deckel drauf zu packen. Julian fand viele einzige Verteidiungszüge und konnte sich nach mehr als 6 Stunden über den halben Punkt freuen!

Julian nimmt die Zuschauertraube gelassen

Diese lange und komplizierte Partie raubte ihm natürlich Unmengen an Kraft. Vielleicht machte sich am Nachmittag unser morgendlicher Lauf bezahlt. Er hielt am Nachmittag ein schwieriges Endspiel (mit zwischendurch 2 Minusbauern) Remis!

Julian „Rocky“ Kramer

Zufrieden kann auf jeden Fall Luis sein. Nach den soliden 1,5/2 gewann er etwas glücklich gegen Dennie Shoipov um danach gegen Kaderspieler Theo Gungl etwas unglücklich zu verlieren. So ist das Leben!

In Runde 5 griff er das erste mal in seinem Leben im 1.Zug den D – Bauern an und zog ihn 2 Felder nach vorne. Wir hatten gesehen, dass sein Gegner sich Holländisch (1..f5) verteidigt und ein angressives Gambit vorbereitet. Sein sichtlich überraschter Sächsischer Konkurrent fand kein probates Mittel und griff schnell fehl.

„Pokerface – Luis“ lässt sich nicht anmerken, dass er genau weiß was hier vorgeht.

Das er gut in Form ist bewies er dann auch gegen den Saarländer Maurice Schirra, den er mit Schwarz, in einer ihm gut bekannten Sizilianisch Variante, völlig überspielte.

So macht Schach Spaß: Luis!

Nach dem heutigen soliden Remis geht es morgen gegen den letztjährigen Deutschen Meister Jan-Okke Rockmann. Eine Rechnung hat er auf jeden Fall noch offen, da er im letzten Jahr eine gute Stellung nicht zum Sieg führen konnte. Die Vorbereitung steht und morgen soll alles noch besser werden, als es sowieso schon ist!

Wenn ihr Julian und Luis nicht nur in Gedanken unterstützen wollt, dann könnt ihr ihnen eine Nachricht schicken, welche morgen an ihrem Brett liegt.

Link Luis: http://www.dem2013.de/interaktiv/u12/spieler/13./nachricht.html

Link Julian: http://www.dem2013.de/interaktiv/u16/spieler/9./nachricht.html

Drückt weiterhin die Daumen!

Auftakt der Deutschen Meisterschaft

Seit gestern läuft die Deutsche Einzelmeisterschaft auf Hochtouren. 2 Runden sind schon gespielt und gerade kämpft Luis um den nächsten Punkt. Die erste Runde konnte er mit Weiß relativ problemlos gewinnen. In einem Schottischen Gambit hielt sein Brandenburger Kontrahent (DWZ 1399) zuerst gut dagegen, stellte dann jedoch einzügig 5 Eiskugeln ein. Am Nachmittag bescherte die Auslosung den ersten Prüfstein: Eddie Liebeck (1726). Wir hatten uns in der Vorbereitung das gute alte Budapester Gambit angeschaut. Schnell konnte Luis Raum gewinnen und einen rückständigen Bauern erzwingen. Irgendwann stand es dann so:

Schwarz sollte hier alle Zeit der Welt haben die Stellung langsam zu verbessern. Vielleicht ist g6 – Dg7 – h6 nebst g5 ein Plan. Luis wählte jedoch eine sehr konkrete Variante : e3?! Te2 Sxd4? (Txd4) Txd4 Txd4 Sf7+ Kg8 Sh6+ Kh8 Sf7+ Remis.
Er hatte übersehen das sein König nicht über f8 fliehen kann, da dann unmittelbar Dg8 Matt folgt.

Luis mit ordentlichem Start mit 1,5/2

Top motiviert ist auch Julian Kramer. Um mit einem guten Gefühl in die erste Runde zu gehen, trafen wir uns schon 6:15 Uhr zum Joggen im Wald.

gut gelaunt am Morgen: Julian

Diese morgendliche Frische konnte er auch für seine Partie konservieren. In einem ruhigen Spanier konnte Julian durch die in diesen Strukturen typische Springerüberführung nach g3 schnell die Initiative übernehmen, die sich später in Gegnerischer Zeitnot in materiellen Vorteil verwandelte. Auftakt geglückt! Das Highlight folgte allerdings erst in Runde 2. Bei entgegengesetzten Rochaden in der Najdorf – Variante war er am Damenflügel etwas flotter unterwegs. Nach dem er seine Schwerfiguren in Position gebracht hatte, nebenbei einen Läufer einkassierte, krönte er diese wirklich sehenswerte Partie mit einem hübschen Matt in 3

Txc2+! Kxc2 Dc3+ Kb1 Ta1 #

Zur Belohnung geht es heute gegen HSK Kollege Jonas Lampert an Tisch 1 mit Weiß. Die Spitzenbretter jeder Altersklasse kann man unter dem Link http://djem2013.liveschach.net/ verfolgen.

Ich bin guter Dinge das die gute Form der Beiden sich heute weiter in Punkte ummünzt.

Das Projekt geht weiter!

Ich freue mich sehr, dass Luis es durch seine konstant guten Leistungen geschafft hat, für eine Fortsetzung des Blogs zu sorgen. Mit einem 8,5/9 Durchmarsch wurde er hochverdient Hamburger U12 Meister (als junger Jahrgang!) und hat sich damit für die Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft vom 18.05. – 26.05.2013 in Oberhof qualifiziert.

Großer Empfang in Hamburg durch seinen Zwillingsbruder Robert
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Die beiden konnten auch noch den, in Hamburg so prestigeträchtigen, Thalia Team Cup gewinnen

Eine Umbenennung dieser Seite erspare ich mir mit der kleinen Hoffnung, dass Luis die Qualifikation für die Weltmeisterschaft wieder packt. Auch wenn diese an einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt / Ort stattfindet: Weihnachten in den Arabischen Emiraten!
Zurzeit ist er jedoch mit Setzlistenplatz 8 „nur“ im Verfolgerfeld zu finden. Das könnte sich jedoch durch seine bärenstarke Leistung in der Männermannschaft noch ändern. Dort gewinnt er einige Punkte und überschreitet die 1800 er Marke locker. Ein Dank muss an dieser Stelle unbedingt auch an Playing – Captain Benjamin Scharmacher gehen, der durch nachträgliche Analysen des Wettkampfes und gute Organisation ein sehr angenehmes Mannschaftsklima geschaffen hat! Er wollte sogar schon freiwillig aussetzen, damit Luis mal Luft am Spitzenbrett schnuppern darf.
Ich betreue jedoch noch einen weiteren Schützling bei dieser Meisterschaft: Julian Kramer! Sein Trainer Merijn van Delft, internationaler Meister und Kadertrainer Hamburgs(!), wurde in diesem Jahr nicht im „Hamburger Freizeitteam“ berücksichtigt. Beim Bingo – Abend ist die Spielstärke ja auch nicht relevant…
Nun obliegt es mir, ein weiteres HSK Talent vorzubereiten. Julian spielt in der U16 und ist mit seiner ELO von 2140 auch im erweiterten Verfolgerfeld zu finden. Bei unserem ersten „DEM – Training“ konnte ich mir ein Bild von seinem sehr soliden Eröffnungsrepertoire machen. Man sieht klar die Spuren von Merijn. Einen großen Sprung hat er gemacht, seit dem er begriffen hat, dass man sich vor großen Zahlen nicht in die Hose machen muss. Sowohl beim St. Pauli Open, als auch in Dänemark, schlug er mehrere deutlich höher eingestufte Spieler. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit!

Julian mit Durchblick

Merijn – nicht nur die Eröffnungen überschneiden sich…

Wie im letzten Jahr bin ich wieder im Team der DSJ zu finden. Mein Platz wird in einem der Spielsäle sein, wo ich die Live-Bretter betreue. Von dort sollte ich einen guten Blick auf Luis und Julian haben.

Ich werde hier wieder versuchen, täglich über ihr Abschneiden und alles Drumherum zu berichten.